21. Februar - 21. März 2014

Elisabeth Oertel - handle with care ... handle don´t care

Im Spagat zwischen Abenteuer und Geborgenheit, zwischen dem Alltäglichen und dem Extremen, den Dingen und dem Loslassen beförderte Elisabeth Oertel die Tiefe und die Irrsinnigkeit der Objekte und des Lebens an eine Oberfläche. 

Die, gleich einem Action-painting, aus Glasfäden gezeichnete Skulptur „594 km“ ist ein lebendiges Gebilde. Es thematisiert den Zerfall, die Unarchivierbarkeit und den Moment gleichermaßen. Mit jedem zusätzlichen Kilometer, den die Skulptur bei einem Transport zurücklegt, ändert sich Ihr Titel um die zu addierenden Kilometer des Transportweges. Mit jedem Mal, dass sie aus Ihrem Schlaf in einem Lagerraum geweckt und zum Sehen hergerichtet wird, ändert sich Ihr Erscheinungsbild. Strecke für Strecke, Aufbau für Aufbau, baut sie sich weiter ab. Elisabeth Oertel bringt das Material Glas an die Grenze seiner Belastbarkeit, um den alltäglichen Moment, in dem ein Objekt, ein Ding, ‘konsumiert’ wird, auf zu Dehnen und erfahrbar zu machen.

Diese Überwindung der Materialität, spiegelt sich auch in dem gefährlichen Spiel mit den Skulpturen der Serie ‘Vermuteter Biomorphismus und andere Zufälligkeiten in meinem Zimmer’ wieder: auf traditionelle Weise eingefärbte und mundgeblasene Scheiben aus Antikglas stehen abenteuerlustig auf hohen Stelzen und tragen amorphe Glasobjekte, als ob sie ein Wagnisbündnis mit der Schwerkraft eingingen. Ein Moment der Unachtsamkeit würde genügen, um den Sockel mitsamt der auf ihm platzierten Glasobjekte zum fallen zu bringen. Lisa Bensel 

 

 

13. Juni - 11. Juli 2014

Alwin Lay & Lorelinde Verhees - The Wavering stage

So wie Mike Lacey's Comic 'X-Ray Specs', spielte auch die Ausstellung 'The Wavering Stage' mit ihrem asymmetrischen Informationsvorsprung gegenüber der Umwelt. Der Blick der Zuschauer auf der Couch - auf dem Motiv der Einladungskarte - entspricht dem Blick durch die Röntgenbrille von Lacey's jungem Protagonisten Ray.

Mit einer medialen Transformation des gesamten Ausstellungsraumes und einhergehender Mystifizierung des Alltagsobjektes, betrieb auch der Künstler Alwin Lay eine Mobilisierung der Sehgewohnheit. Die von Ihm dargestellten Objekte funktionierten oft als offene Projektionsflächen und somit unendlich tiefe Assoziationscontainer zugleich. So bewegten sich die präzisen Aussagen Lays in der Wahrnehmung des Beobachtenden stetig zwischen Denotation und Konnotation auf und ab.

Lorelinde Verhees, die erfolgreich wie auf Drahtseilen zwischen der Fotografie und angrenzenden Medien balanciert, stellte mit einer post-fotografischen Installation die Frage nach der Herkunft der Inszenierung und des Objektes an-sich in den sprichwörtlichen Raum. Das Bewusstsein, dass ein Medium nie unschuldig sein kann sondern eine explizite, prägende und zu verantwortende Bedeutung widerspiegelt, war hierbei intrinsisch mir Ihrem Schaffen verknüpft.

In 'The Wavering Stage' ließen Lay und Verhees den Blick durch Ihre eigenen Brillen zu. Hierbei glich die Rahmung dieses Blickes, den die Künstler dem Zu-sehenden gewährten, einer austarierten Wissenschaft. So wurde letztlich der Witz der Vermittlung zum entscheidenden Faktor, der den Begriff der Bühne als Medium ins wanken bringt und die Realität von Objekt und Inszenierung offen in Frage stellt. 

Abbildungen © Alessandro De Matteis & Houtan Nourian

13. September -10. Oktober 2014

Simon Rummel & Tina Tonagel - ERHOLUNG AN BORD

kuratiert von Lisa Bensel & Theresa Nink

Drei selbsterdachte Instrumente verwandelten das Q18 in einen langsam changierenden und sich stetig verändernden Klangraum, der die Besucher einlud, zu verweilen. Ohne definierten Anfang und gesetztes Ende spielten sich die motorenbetriebenen Musikmaschinen selbst und generierten eine sich kontinuierlich verwandelnde Klang- und Lichtsituation, die einerseits unvorhersehbar, andererseits in ihrer Bedingtheit klar lesbar blieb.

In der Verbindung von traditionellen bildhauerischen Materialien, hölzernen Resonanzkörpern, Glaskolben, Saiten von Streichinstrumenten und programmierbarer Elektrotechnik wurden die Instrumente zu kinetischen Skulpturen, die den Raum klanglich und optisch modulierten.
Die Ausstellung lud ein, sich einem Wahrnehmungsprozess auszusetzen, über deren Dauer die Besucher selbst entscheiden konnten.

In der Zusammenarbeit des Komponisten Simon Rummel und der Medienkünstlerin Tina Tonagel trafen jeweils unterschiedliche Herangehensweisen an Klang, Raum und Visualität aufeinander.

Mit freundlicher Unterstützung durch die SK Stiftung Kultur, das Kulturamt Köln der Stadt Köln und Westwerk Immobilien.

Abbildungen: 2-5 © Alessandro de Matteis

07.November - 05.Dezember 2014

Katerina Kuznetcowa & Alexander Edisherov - Des Illus Ion

Im Rahmen Ihrer Ausstellung Des Illus Ion realisieren Katerina Kuznetcowa und Alexander Edisherov ein dreidimensionales Triptychon, das sich vom Inneren Ausstellungsraum zum Außengelände des Atelierhauses zieht. Inhaltlich begeben sie sich mit drei Skulpturen auf die Suche nach einer bildnerischen Antwort auf bestehende Rätsel der Kultur- und Naturwissenschaften: Sie beschäftigen sie sich mit der Art und dem Sinn von schwarzen Löchern oder verfolgen den Werdegang des Menschen bis zur ersten verzeichneten logischen Handlung zurück. Hierbei steht die Frage zentral, in wie weit das Sichtbare die Vorstellungskraft bedingen oder inwiefern das, was unvorstellbar bleibt, doch bildnerisch aufgegriffen werden kann.

Verbunden an diese Frage haben sie sich der Analyse der Desillusion gewidmet. Fläche, Raum und Ausstellungstitel gliedern die Künstler hierfür in drei Teile, äquivalent für drei Stadien der Empfindung der Desillusion: Illusion, Realität und Hoffnung. Thematisch erstreckt sich die Desillusion von der resignierenden Enttäuschung, die in der Illusion bereits wurzelt, bis zu der Hoffnung, durch die Anerkennung der Realität eine positive Neuordnung der Dinge bewirken zu können.

Als Mittelstück des Triptychons ist ein sechs Meter langes Wandobjekt in der Mitte des Ausstellungsraumes platziert, das aus schwarzen, ineinander verwobenen Stoffbändern besteht. Beim Vorübergehen wirft die tiefschwarze Fläche an jedem Standpunkt ein anderes Bild zurück. Je nachdem, wie die Reflektion des Lichtes in das Auge des Zuschauers trifft, heben sich unterschiedliche Quadrate und Muster sichtbar aus der aus hoch- und quergewebten Bändern zusammengesetzten Fläche ab oder verschwinden wieder im Dunkel. Das satte Schwarz, das alles enthält, doch kaum etwas preisgibt, ist eine Abbildung des Universalen. Diese Arbeit steht für einen universalen Informationsträger, der gleich einem schwarzen Loch eine unvorstellbar große Menge an Materie, Wissen und Informationen auf kleinstem Raum verdichtet. Die Machart des Webens verbindet diese Arbeit aus dem Jetzt mit dem Ursprung handwerklicher Logik. Das Weben lässt sich, noch vor dem Töpfern oder Flechten, als die erste logische Handlung des Menschen zur Erstellung von komplexen Objekten zurück datieren und hat sich in seiner Art in den letzten 32.000 Jahren unverändert, nur inzwischen verfeinert, in allen Bereichen unseres Lebens gehalten. 

Ein amorphes Objekt gegenüber der Webearbeit, das inhaltlich als Seitenflügel einzuordnen ist, führt die These weiter, dass nicht alles Vorstellbare verbildlicht werden kann. Das Objekt, das sich unscheinbar an eine Wand aus rohem Sichtbeton schmiegt und sich an einer Stelle ahnungsvoll von dieser in den Raum wölbt, beherbergt die vielen unvollendeten Gedanken, die das hoffnungsvolle Potential der Zukunft tragen. Es steht für ein mit Worten und Bildern nicht direkt bezifferbares Potential das zum Greifen nah scheint, aber noch nicht materielle Wirklichkeit geworden ist. Ist es denn trotzdem Vorhanden oder nur Illusion? Überraschung, Irritation und schließlich die realistische Hoffnung auf einen im Verborgenen schlummernden Hinweis, bezeichnen diese Arbeit.

Das zweite Seitenteil des Triptychons, eine meterhohe Skulptur im Außenraum mit dem wortverspielten Titel „In der Hoffnung, Rhein zu sehen“, entpuppt sich als skulpturale Abstraktion eines Fernrohres. In die an den Ausstellungsraum grenzende Wiesenfläche sind übermannshohe Holzbalken eingelassen, die ein Wickelfalzrohr mit der Blickrichtung gen Westen tragen. Dort soll der Rhein liegen, dessen örtliche Nähe zum Atelierhaus vor etwas mehr als vier Jahren Inspiration für ein engagiertes Marketingteam bot. Nicht selten stellen Besucher des Hauses jedoch die findige und berechtigte Frage ‚wo denn der Hafen sei‘ –  weckt der Name des Atelierhaus Quartier am Hafen doch eine Erwartung, die nicht direkt erfüllt werden kann, analog zu dem verschlungenen Charakter der Des-illus-ion. Augenzwinkernd enttarnt diese Skulptur das, was Wirklich schien, als bloße Wirkung und erinnert daran dass manches von dem, was Wirklich ist, mit dem bloßen Auge nicht direkt wahrnehmbar ist. Dieser Twist führt die Gedanken zurück zum Mittelstück, dessen illusionistische schwarze Fläche Realität und Vorstellung zugleich ist.

Kuznetcowa und Edisherov stellen mit dieser Ausstellung, über die bildende Analyse der Desillusion, drei Thesen über das Wissen zu Diskussion. Sie thematisieren Wissen, das geahnt werden kann, Wissen, das erschlossen werden kann und Wissen, das mit Worten nicht gegriffen werden kann, da es zu universell, zu perfekt oder zu abstrakt für die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes ist. Nur das Abbild dieses universellen Wissens das sich auf der perfekt gewebten, sechs Meter langen Fläche  durch den Raum zieht und das Prinzip der Wissensverdichtung verbildlicht,  kann sich materialisieren.

Sie stellen sich dem intensiven Denkprozess, dem sich Philosophen, Physiker  oder Mathematiker seit jeher stellen um sich etwas vor zu stellen, das unvorstellbar ist, da es die bestehenden Dimensionen und logischen Regeln des menschlichen Lebens bricht. Als Künstler an diesem Prozess beteiligt, genießen sie den Vorteil sich keiner einzelnen, schlüssigen Theorie verpflichten zu müssen. Stattdessen können sie Logik, Gefühl und Umgebung frei verknüpfen - um so einen neuen Sinn zu weben. Frei und voll von Illusionen.    

Das Künstlerduo Katerina Kuznetcowa (*1974 in Smolensk / Russland) und Alexander Edisherov (*1973 in Tiblisi / Georgien) wurden zur vierten Ausstellung 2014 in den Ausstellungsraum Q18 des Quartier am Hafen eingeladen, um eine ortsspezifische Arbeit zu entwickeln. Sie schlossen ihr Studium an der Kunstakademie Münster als Meisterschüler der Professoren Maik und Dirk Löbbert 2006 bzw. 2007 ab und arbeiten seit 2010 als untrennbare künstlerische Einheit zusammen.

In den vergangenen Jahren haben sie gemeinsam ein konsistentes Oeuvre geschaffen, das sich meist großflächig und pointiert im (teil)öffentlichen Raum manifestiert. Die Abstraktion ist ein wichtiges Stichwort für die Beschreibung Ihrer Arbeiten, die jedoch nicht als Selbstzweck sondern als Konsequenz zu verstehen ist. Die Künstler formulieren Fragen zu spezifischen örtlichen Gegebenheiten, die sie durch Ihre Skulpturen und Interventionen mal direkt, mal übergeordnet beantworten.

Lisa Bensel Dezember 2014

Diese Ausstellung wurde ermöglicht durch die freundliche Unterstützung des Kulturamtes der Stadt Köln und Westwerk Immobilien.

Eine gedruckte Dokumentation ist erhältlich.

Abbildungen © Kuznetcowa & Edisherov 2014
www.kalexjata.com