27. Mai - 23. Juni 2017

...kurze Leben, angetroffen im Zufall der Bücher und der Dokumente - Thomas Musehold

„Diesem wurzelspitzenähnlichen Gebilde fehlen zwei grundlegende Bestandteile. An der Spitze fehlt die Kalyptra (Wurzelhaube) und im Inneren das Plerom (Zentralzylinder). Die Oberfläche ist von glatter Natur, die Wurzelhaare fehlen vollkommen. Der oberirdische und unterirdische Teil wird durch einen Wulst getrennt...“ (M. Wernado, Diplombiologe)

Thomas Musehold ist Bildhauer und entwickelt unter anderem Kleinplastiken aus abgegossenen und modifizierten Fundstücken. Nicht selten rufen diese zunächst Naturformen wach, welche sich visuell jedoch als stilisierte, lackierte und hoch ästhetisierte Skulpturen durchsetzen – Formgebung und Materialität scheinen in keinem natürlichen Verhältnis zu stehen. Vielmehr lässt ihre stoffliche Konformität an 3D-Drucke oder Computersimulationen denken. Spiegeltische, welche die Objekte in ihrer kühlen Präsenz unterstützen, öffnen einen virtuellen Raum in die Tiefe und werden gleichzeitig zum quasi wissenschaftlichen Support ihrer Untersuchung von allen Seiten.

Der Künstler spielt mit verschiedenen Ebenen der Bedeutungszuschreibung, welche sich nicht mehr nur auf die visuelle Sprache der Bildhauerei und ihrer räumlichen Inszenierung beschränkt. Mit der Einbeziehung wissenschaftlicher Erstbeschreibungen, wie sie von Biologen bei der Erforschung einer neuen Pflanzenart verfasst werden, wird die Rezeption der Artefakte durch das Medium Text abermals in eine naturwissenschaftliche Richtung gelenkt.
Das Rezitieren der Texte durch Kinder und Jugendliche, die während der Eröffnung wie aus dem Nichts erscheinen, transportiert entsprechende inhaltliche Informationen in avanciertem Fachjargon körperlich und stimmlich direkt in den Ausstellungsraum. Die wissenschaftlichen Beiträge setzen aufgrund eines verbindlich festgelegten Vokabulars auf die allgemeine Verständlichkeit innerhalb ihrer Disziplin, wodurch nicht nur die Ambiguität der beschriebenen Objekte potenziert wird, sondern vor allem die Künstlichkeit der Situation ein irritierendes Moment darstellt. Wo schon Formassoziation und Beschaffenheit der Exponate sich nicht in gewohnter Manier zu ergänzen scheinen, ist auch die Verbindung von Gesprochenem und Sprecher hier völlig widersinnig.
Angeleitet durch den Künstler und die Theaterpädagogin Tanja Grix unterliegt das Gesagte weder inhaltlich noch (körper-)sprachlich einer natürlichen Reaktion oder einem adäquaten Wissenstand und Sprachgebrauch der jungen Leute, sondern ist Ergebnis einer vorgegebenen und einstudierten theatralen Inszenierung.

Gedanken zum Wesen der Dinge, zur „Macht des Wortes“, den Parametern von Kunst und Künstlichkeit, zur Subjektivität von Wahrnehmung, aber auch zum transformativen Potenzial von Medium, Rezeption und Interpretation etc. kommen mit diesem multidisziplinären Kooperationsprojekt zum Tragen.


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Thomas Musehold is a sculptor and develops among others small-scale objects out of casted and modified foundries. Often those artefacts remind of nature forms, which visually establish as stylized, varnished and highly aestheticized sculptures – shaping and materiality do not appear in any natural relation. Rather, the conformity of their surface eludes 3D-prints or computer simulations. Mirror tables, underlining the objects in their cool appearance, open a virtual space into the depth and become simultaneously an almost scientific support for their investigation from all sides.

The artist plays with different levels of interpretation, which is not focused any longer just on the visual language of sculpture and its spatial staging. With the use of scientific initial descriptions, normally written by biologists while researching new plant species, the reception of the artefacts through the medium text is guided again in a scientific direction.
The recitation of the texts by children and teenagers, who seem to appear from nowhere during the opening, transports relevant content information in advanced trade language physically and vocally into the exhibition space. The scientific texts are based with their binding vocabulary on a Intelligibility within their discipline, whereby not only the ambiguity of the described objects, but especially the artificiality
of the whole situation creates the irritating moment. While the association of the shapes and the real nature of the exhibits not seem to complement each other as expected, the connection oft the spoken and the speaker appear completely absurd, too. Trained by the artist and the theatre teacher Tanja Grix the speech neither with it’s content nor with it’s (body)language is consequence of a natural reaction or an adequate knowledge and linguistic usage of the young people, but is the result of a rehearsed theatrical production.

Thoughts on the essence of things, the "power of the word", the parameters of art and the artificial, the subjectivity of perception, but also the transformative potential of media, reception and interpretation etc. come into mind with this multidisciplinary
cooperation.

10.März - 07.April 2017

Performance Archive (Phantom cigarette) - Performance Art Archive / The Black Kit und Ivan Cheng

Die Ausstellungsreihe 2017 im Q18 steht im Zeichen des Performativen. In vier Veranstaltungen wird das Thema von verschiedenen Perspektiven und künstlerischen Ansätzen aus beleuchtet. Prozess, Experiment und Kollaboration sind hierbei die Eckpfeiler des kuratorischen Arbeitens, bei dem der Ausstellungsraum Q18 den Rahmen für verschiedene Momentaufnahmen einer andauernden Recherche zum komplexen Thema der Performance bietet und der Öffentlichkeit zugänglich macht.

Mit der ersten Ausstellung „Archive Performance (phantom cigarette)“ erfolgte eine Annäherung an den Begriff der Performance im Allgemeinen und an das Archivieren von Performance im Speziellen. Impulsgebend war hierbei das im Quartier am Hafen ansässige „Performance Art Archive“, das 1981 unter dem Namen „Schwarze Lade / Black Kit“, als eine „organisch ständig wachsende Ideenbank“ (www.asa.de) entstand und inzwischen zahlreiche Dokumente, Portfolios, Zeitschriften, Bücher sowie Video- und Audiomaterial zur internationalen Performance- Kunst beherbergt.

Der Körper als natürlicher Speicher von kollektivem Wissen und individueller Erfahrung, „der sich ständig erweiternd reproduziert“ (www.asa.de) steht der klassischen Vorstellung eines Archivs als Ort, an dem konkretes Wissens in physischer oder auch digitaler Form bewahrt wird, gegenüber. Gerade im Hinblick auf die Performance als bewusst gewählte vergängliche, immaterielle Form der Kunstproduktion sind Fragen nach der Sinnhaftigkeit und Legitimation, aber auch nach der Notwendigkeit ihrer Dokumentation und Archivierung allgegenwärtig.

Geleitet und stetig erweitert wird das Kölner Archiv von Boris Nieslony, dessen diagrammatisch ausgerichtete Auseinandersetzung mit dem Material sich in einem monumentalen Bodendiagramm (Boris Nieslony und Gerhard Dirmoser) der Ausstellung wiederfand. Eine komplexe kontextuelle und dennoch subjektive Annäherung an den Begriff der Performance mit semantischen und wissenschaftlichen Verlinkungen transportierte die Archivstruktur als grafisches Element in den Ausstellungsraum. Mit ihren Schlagwörtern wurde die Grafik zum informativen Impulsgeber rund um das Thema, welches sich die Ausstellungsbesucher mit Taschenlampen peu à peu erschließen konnten. Darüber hinaus leitete sie als „choreografische“ Notation die Bewegung der Lesenden vertikal und horizontal durch den Raum.

Mit einer Video-Performance Ivan Chengs, welche direkt im Kölner Performance Archiv von Stefan Ramírez Pérez gefilmt wurde, traf ein individuelles Archiv auf das andere. In seinen „bad readings“ sampled der junge Performer, Autor und Kurator mehr intuitiv als systematisch Textfragmente verschiedenster Quellen und Kontexte und lässt sie in erster Linie sprachlich in Erscheinung treten. Kuriose Requisiten, Kostüme, Settings, aber auch sparsame Bewegungen, Gesten, Mimik ebenso wie vokalistische Exkurse setzen Akzente, die das ohnehin keiner narrativen oder thematischen Linie folgende Gesagte nur scheinbar logisch ergänzen – stattdessen wird es noch weiter in alle Richtungen geöffnet. Die Dekonstruktion jeglicher Zusammenhänge durch Chengs „Textdropping“ führt zu einer weniger wissenschaftlichen, als vielmehr lyrischen, persönlichen und fiktionalen Neuinterpretation der Ausgangsliteratur. Auszüge früherer Performances Ivan Chengs und seine reflektierende Präsenz im Kölner Archiv überlagern sich bildnerisch und sprachlich und zogen, wie auch das Bodendiagramm, performative Unmittelbarkeit und analytische Dokumentation zusammen.

Die scheinbare Dialektik von Performance und Archivierung ebenso wie die Unmöglichkeit der Objektivität und der Vollständigkeit eines Archivs und noch weiter – auch die gezielte Überforderung des Zuschauers durch die semantische Dichte der Textfragmente in Chengs Performances – kamen innerhalb der Ausstellung weniger als kritische Fragestellung als vielmehr in ihrer künstlerisch-poetischen Qualität zum Tragen.

Eine Live-Performance Ivan Chengs am Eröffnungsabend transportierte den konzeptuellen Ansatz der Ausstellung weiter auf eine direkte physisch erfahrbare Ebene.

Ivan Cheng
Studium, Royal Academy of Music,
 Sydney Conservatorium of Music,
Critical Studies am Sandberg Instituut, Amsterdam, lebt und arbeitet als Performer, Kurator,
 Autor, Dramaturg, Klarinettist etc. in Amsterdam
www.ivancheng.com

Boris NieslonyMitbegründer des Künstlerhaus Hamburg 1977, diverser „Live Art Situationen“ seit 1981, z.B. „Das Konzil“, von Kollektiven wie „Black Market International“, „PAErsche“ etc. und Performance Art Archive / The Black Kit seit 1981www.blackkit.orgwww.liveartarchive.eu/archive/artist/boris-nieslony


The exhibition series 2017 at Q18 is characterized by the performative. The theme is illuminated by different perspectives and artistic approaches in four events, including an additional program. Process, experiment and collaboration are the cornerstones of the curatorial work in 2017, in which the exhibition space Q18 provides the framework for various snapshots of a continuous research on the complex format „performance" and makes it accessible to the public.

The first exhibition "Archive Performance (phantom cigarette)" was an approximation to the concept of performance in general and to the archiving of performance in the specifics. Initial point is the "Performance Art Archive", which was established in 1981 under the name "Schwarze Lade / The Black Kit" as an "organic growing bank of ideas" (www.asa.de), and which since that time houses several magazines, books as well as video and audio recordings of international performance art. The archive is directed and constantly expanded by Boris Nieslony, whose diagrammatically oriented exploration of the „performative“ was reflected in a monumental floor diagram within the exhibition, A complex contextual and yet subjective approximation to the term of performance, with semantic and scientific links, transported the archive structure as a graphic element into the exhibition space. With its terms and key words, the graphic became an informative pulser around the subject. In addition, as a "choreographic" notation, the diagram directed the movement of the reading audience vertically and horizontally through the space.

With a video performance of Ivan Cheng, which was filmed by Stefan Ramírez Pérez directly in the performance archive, an individual archive encountered the other. In his "bad readings" the young performer, author and curator from Australia samples more intuitively than systematically, text fragments of various sources and contexts and let them emerge primarily in language. Curious props, costumes, settings, but also sparingly-concentrated movements, gestures, mimics, as well as "vocal" excursions, places emphases, which merely seem to complement the spoken words in a logical way, but actually don`t follow any narrative or thematic line. The deconstruction of all contexts by Cheng's "textdropping" leads to a less scientific rather than lyrical, personal and fictional reinterpretation of the original literature.

The body as a natural repository of collective knowledge and individual experience, "which is constantly expanding and reproducing itself“ (www.asa.de), is opposed to the classical concept of an archive as a place where concrete knowledge is preserved in its physical or digital form. Especially in terms of the performance as the transitory, immaterial form of art production par excellence, questions about the sense and legitimation of it`s documentation and archiving, but also it`s necessity are omnipresent.

But the apparent dialectic of performance and the archival, as well as the impossibility of objectivity and completeness of an archive, and even the excessive demand of the audience by the semantic density of the text fragments within Cheng`s performance – all this within the exhibition appears in it´s artistic-poetic quality rather then as critical notation.

A live performance of Ivan Cheng in the opening night transferred the conceptual approach of the project to the direct, physically experienceable.

Ivan Cheng
Studies at Royal Academy of Music,
 Sydney Conservatorium of Music,
 Critical Studies at Sandberg Instituut, Amsterdam, lives and works as performer, curator,
 author, dramatic adviser, clarinetist in Amsterdam
www.ivancheng.com

Boris Nieslony
Founder of Künstlerhaus Hamburg 1977, of diverse „Live Art Situations“ since 1981, e.g. „Das Konzil“, of collectives as „Black Market International“, „PAErsche“ and Performance Art Archive / The Black Kit since 1981
www.blackkit.org

www.liveartarchive.eu/archive/artist/boris-nieslony